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Berliner Initiative »handverlesen« fordert neues Literaturverständnis

Wie bewegt sich ein Gedicht? Wie sieht ein Reim in Gebärdensprache aus? Und wie liest sich eine gebärdete Metapher in schriftlicher Form?

Diesen Fragen widmet sich die Berliner Literaturinitiative »handverlesen«. Die mehrsprachige und emanzipatorische Initiative fordert eine differenzierte Betrachtung von Literatur, in der visuelle, gebärdete Texte neben schriftsprachlichen Texten ihren Platz finden. Katharina Mevissen und Franziska Winkler, den Gründerinnen von »handverlesen«, geht es um das Etablieren neuer Lese- und Sehgewohnheiten und um die Stärkung der Tauben Künstler*innen und ihrer Gebärdensprachpoesie in der hörenden Literaturwelt.

»Gebärdensprachpoesie gibt es schon lange, dass sie im hörenden Literaturbetrieb sichtbar wird, ist aber etwas Neues. Es ist unser Ziel, dass Taube Künstler*innen an Orten der hörenden Literaturszene auftreten, und dabei mit hörenden Lyriker*innen auf Augenhöhe zusammenarbeiten«, so Katharina Mevissen und Franziska Winkler, Projektleitung der Initiative »handverlesen«.

»handverlesen« veranstaltet Werkstätten und Veranstaltungsreihen, um hörende und Taube Literat*innen, Performer*innen und Übersetzer*innen miteinander zu vernetzen und um neue Gebärdensprachpoesien zu entwickeln und zu übersetzen. In Zusammenarbeit mit den Künstler*innen publiziert die Initiative mehrsprachige Magazine, Filme und Bücher zum Thema und plant eine umfangreiche Online-Bibliothek für Gebärdensprachliteratur.

Im Juni startet die erste große Veranstaltungsreihe. Unter dem Motto »Text kommt in Bewegung« treten Taube und hörende Künstler*innen gemeinsam auf und präsentieren gebärdensprachliche und lautsprachliche Poesie. Die verschiedenen Performances sind Resultat zwei intensiver Werkstatt-Wochenenden im Frühjahr 2019, in denen sich die Künstler*innen über ihre literarische Praxis ausgetauscht und mit Gebärdensprachpoesie und lautsprachlicher Lyrik experimentiert haben.

Bei der Auftaktveranstaltung am 22. Juni 2019 präsentieren die Lyrikerinnen Julia Hroch, Anna Hetzer und Laura-Levita Valyte neue Poesien in Laut- und Gebärdensprache. Am 28. September 2019 widmen sich Rafael-Evitan Grombelka, Tim Holland, Lea Schneider, Kinga Tóth und Kassandra Wedel der Frage nach Gebärdensprachpoesien und performen ihre neuen Gedichte. Dawei Ni, Daniela Seel und Ulf Stolterfoht geben am 16. November 2019 Einblicke in ihre gemeinsame Arbeit. Alle Veranstaltungen finden in der Lettrétage (Mehringdamm 61, 10961 Berlin) statt und beginnen jeweils um 20 Uhr.

Die Literaturinitiative »handverlesen« wird von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa der Stadt Berlin gefördert und kooperiert mit dem Lettrétage e. V.

Weitere Informationen finden Sie unter https://poesiehandverlesen.de/.

Hintergrundinformationen zur Initiative

»handverlesen« ist eine mehrsprachige emanzipatorische Literaturinitiative, die 2017 von Katharina Mevissen und Franziska Winkler gegründet wurde. Sie setzt sich für eine differenzierte Betrachtung von Literatur ein, in der visuelle, gebärdete Texte neben schriftsprachlichen Texten Platz finden. Das Anliegen der Initiative ist die Stärkung der Präsenz von Tauben Künstler*innen und ihrer Gebärdensprachpoesie in der hörenden Literaturwelt. Sie veranstalten Werkstätten und Veranstaltungsreihen, um hörende und Taube Literat*innen, Performer*innen und Übersetzer*innen miteinander zu vernetzen und um neue Gebärden- und Lautsprache zu entwickeln und zu übersetzen. In Zusammenarbeit mit den Künstler*innen publiziert die Initiative zweisprachige Magazine, Filme und Bücher zum Thema und baut eine Online-Bibliothek für Gebärdensprachliteratur auf.

Hintergrundinformationen zum Begriffskonzept Taub

handverlesen verwendet das Adjektiv Taub in der Großschreibung und bezieht sich damit auf das englischsprachige Begriffskonzept Deaf. Dabei handelt es sich um eine Selbstbezeichnung von »Menschen, die sich den Gebärdensprachen, den Gemeinschaften und Kulturen des Kollektivs der Gehörlosen verbunden fühlen. Viele Taube sehen darin grundlegende Entsprechungen zum Erfahrungsschatz anderer sprachlicher Minderheiten.« (Ladd, Paddy (2008): Was ist Deafhood? Gehörlosenkultur im Aufbruch. Internationale Arbeiten zur Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Band 48. Seedorf: Signum-Verlag) Taubsein, angelehnt an das Konzept Deafhood, grenzt sich ab von der defizitären medizinischen Sichtweise des Terminus gehörlos und beruft sich auf die Zugehörigkeit zu einer kulturellen Minderheit mit ihrer eigenen Sprache. Taub schließt verschiedene Identitäten und Lebensrealitäten wie gehörlos, schwerhörig, CI-tragend sowie spätertaubt ein.