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Die älteste Charlottenburger Buchhandlung Marga Schoeller feiert ihr 90-jähriges Firmenjubiläum

Die Buchhandlung Marga Schoeller feiert in diesem Jahr ihr 90-jähriges Firmenjubiläum und plant ein Programm mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen. Zum Auftakt stellt Durs Grünbein am 19. März in einer Berliner Buchpremiere sein neues Buch »Aus der Traum (Kartei)« vor. Am 26. März liest die deutsch-chinesische Autorin Luo Lingyuan aus ihrem Roman »Die chinesische Orchidee«. Außerdem werden das ganze Jahr über Kunden der Buchhandlung jeweils ein Buch empfehlen, das dann für acht bis zehn Tage lang im Schaufenster präsentiert wird. Gestartet wird mit einer Buchempfehlung von Rosa von Praunheim: »Was dann nachher so schön fliegt« von Hilmar Klute. Und im Herbst, pünktlich zum Firmenjubiläum, folgt nicht nur ein Fest, sondern auch eine Festschrift.

Am 1. November 1929 übernahm die Verlagsbuchhändlerin Marga Schoeller mit 24 Jahren die Filiale der Buchhandlung Buchholz am Kurfürstendamm 30. Bald trafen sich dort Schriftsteller und Schauspieler, Professoren und Studenten: fast die gesamte »Anti-Nazi-Intelligenz« der Stadt, wie Marga Schoeller es selbst formuliert hat. Die Bücher, die Marga Schoeller verkaufen wollte, waren bald nicht mehr zu bekommen, wurden verbrannt oder verboten. Doch für einige Kunden gab es immer wieder verbotene Bücher aus einem geheimen Keller.

Nach dem Krieg war sie die erste Buchhändlerin in Berlin, die lizensiert wurde. Bücher waren rar und wurden von ihr teilweise im Tauschgeschäft von im Ausland lebenden Freunden erworben. Schon früh fand ihre anglophile Neigung ihren Niederschlag in der Gründung einer englischsprachigen Abteilung, die übrigens für die heutige Buchhandlung immer noch ein wichtiges Standbein ist. Die Marga Schoeller Bücherstube wurde zu einem Zentrum des geistigen Berlins. In einem kleinen Gästebuch aus den Jahren 1930 bis 1965, das heute wie ein Schatz gehütet wird, haben sich zahlreiche Kunden, Autoren und Schauspieler eingetragen: Thornton Wilder, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Christopher Isherwood, Aldous Huxley, Henry Miller, Elias Canetti, Erich Kästner, Robert Musil, Jean Cocteau, die Maler George Grosz, Rudolf Schlichter, Alfred Kubin, Lázló Moholy-Nagy, der Bildhauer Henry Moore und viele andere. Auch Arnold Zweig, Bertolt Brecht und andere bekannte Personen aus Ostberlin gehörten vor dem Bau der Mauer zu Marga Schoellers Kunden. Dies führte schließlich zur Drohung von Westberliner Stadtbüchereien, nicht mehr bei Schoeller einzukaufen. Es herrschte der Kalte Krieg. Später, anlässlich eines Treffens der Gruppe 47 in Berlin gab es am 28. Oktober 1962 einen Empfang für die Teilnehmer in ihrer Buchhandlung. Eine erhaltene Photographie zeigt Marga Schoeller im Gespräch mit Günter Grass und Peter Weiss.

Es lässt sich heute nicht mehr feststellen, wer ihr wann den Spitznamen gegeben hat, mit dem sie ihre engsten Freunde anredeten: »Löwe« (nicht: »Löwin«!). Geblieben ist aus dieser Zeit jedenfalls das Firmensignet der Marga Schoeller Bücherstube: der auf einem Sessel sitzende, lesende Löwe, den der Klee- und Kandinsky-Schüler Hans Thiemann gezeichnet hat.

Mit dem Buchangebot und der Stammkundschaft wuchs auch die kleine Bücherstube. Gleich nebenan kam ein weiterer Laden hinzu, später dann die Räume im ersten Stock. Die Erweiterungsbauten der Buchhandlung wurden von dem Architekten Hermann Fehling mit seinem Partner Daniel Gogel geplant und geleitet. Mit Fehling war Marga Schoeller eng befreundet. Er zählt heute zu den bedeutendsten Architekten seiner Zeit, baute in Berlin beispielsweise die Mensa der FU, den Berlin-Pavillon und das Studentendorf Schlachtensee, das 2006 von der Bundesrepublik Deutschland in den seltenen Rang eines »Kulturdenkmals von Nationaler Bedeutung« erhoben wurde.

Wie viele Buchhändlerinnen und Buchhändler verstand sich Marga Schoeller eher als Traditionalistin, was sie nicht daran hinderte, auch eine neue Generation von Kunden mit anderen Vorstellungen aufgeschlossen bei sich zu begrüßen – dies vor allem während der Studentenbewegung, als sich das Sortiment der Buchhandlung auf die kritische Jugend einstellte. Rudi Dutschke, Fritz Teufel und fast die gesamte APO-Prominenz zählten nun auch zu den Stammkunden. Es kam in dieser Zeit vor, dass sich ein Polizist vor dem Laden postierte und die Titel der im Schaufenster ausgestellten Bücher notierte.

Marga Schoellers enges Verhältnis zu ihren Kunden fand seine Entsprechung im Umgang mit der wachsenden Zahl ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – einer bunten Mischung verschiedenartigster Menschen mit teilweise großen Eigenwilligkeiten, unter ihnen Harry Rowohlt und einer der einflussreichsten, späteren Mitarbeiter der Berlinale, Manfred Salzgeber.

Als die Buchhandlung 1974 in eine Nebenstraße des Kurfürstendamm umziehen musste, gab es eine spürbare, aber leider vergebliche Empörung bei den Kunden und in der Presse. Der Religionswissenschaftler Professor Klaus Heinrich hat diesen schmerzlichen Einschnitt in die Firmengeschichte so beschrieben: »Es traf sie hart, als sie ihr Reich verlassen musste, das noch vor dem Nazistaat gegründete, die erste Buchhandlung auf dem Boulevard des westlichen Vergnügungsviertels der Stadt, und die Gastronomie dort einzog. Aber der Geist wandelte mit, und die Besucher waren am neuen Ort die alten. Sie war ein Zentrum dieser Stadt, eins von denen, die sich ihrer Provinzialisierung entgegensetzten und ihrer Las-Vegaisierung auch dann noch trotzten, als sie ihr weichen musste.« Nach dem Umzug wuchs in ihr der Wunsch, die Leitung des Ladens in andere Hände zu geben. Die Firma wurde in eine GmbH überführt und von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Kollektiv übernommen, dem auch ihr Sohn Thomas Rodig angehörte, der schon viele Jahre in der Buchhandlung gearbeitet hatte. Vollzogen wurde diese Umwandlung allerdings erst nach ihrem Tod. Marga Schoeller starb 1978. Das Kollektiv existierte bis etwa 1998.

Im Sinne der Zukunftssicherung übernahm im September 2017 Florian Schoeller, ein Unternehmer aus der Verwandtschaft der Firmengründerin, alle Anteile der GmbH von den bisherigen Gesellschaftern. Damit befindet sich die Traditionsbuchhandlung in der dritten Generation in Familienbesitz.

Thomas Rodig, der Sohn Marga Schoellers, ist 2017 aus der Geschäftsführung ausgeschieden, bleibt der Buchhandlung aber beratend und in Teilzeit mitarbeitend  bis auf weiteres verbunden. Die Geschäftsführung der Marga Schoeller Bücherstube liegt seitdem in den alleinigen Händen von Ruth Klinkenberg. Sie trat 1972 als Mitarbeiterin in die Firma ein und war bereits seit 1979 Mitgeschäftsführerin.